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Aktuelles
Publiziert am 16. Feb 2026, 10:34 Uhr

WILWEST – Chance für die Region oder raumplanerisches Problem?

Jowita Nicolaus, Stadt- und Raumplanerin und Projektleiterin bei der Regio Wil, ordnet im Interview das Projekt WILWEST aus fachlicher Sicht ein und erklärt, wie die Entwicklung von Arbeitsplätzen in der Region mit einer nachhaltigen Nutzung von Boden und Verkehr vereinbart werden kann.

Frau Nicolaus, wie beurteilen Sie die aktuelle Arbeitsplatzsituation in der Region Wil? Gibt es noch Potenzial für neue Arbeitsplätze oder ist die Region bereits ausgelastet?

Jowita Nicolaus: Die Regio Wil ist ein starker Arbeitsstandort. Aus raumplanerischer Sicht ist eine hohe Zahl an Arbeitsplätzen kein Problem, sofern sie an gut erschlossenen Standorten konzentriert werden. Genau das verlangt das Raumplanungsgesetz (RPG, Art. 3 Abst. 3a). WILWEST ermöglicht es, Arbeitsplätze zu bündeln, Fachkräfte in der Region zu halten und damit Wegpendelnden eine Perspektive vor Ort zu geben. Heute gibt es in der Agglomeration Wil mehr Weg- als Zupendelnde (BfS Strukturerhebung 2020-2022). Hier setzt das Projekt gezielt an.

Und verkehrlich? Bedeutet mehr Arbeitsplätze nicht automatisch mehr Verkehr?

Nicolaus: Nicht zwingend. Verkehr entsteht primär durch Zersiedelung, nicht durch Bündelung. Konzentrierte Arbeitsgebiete mit guter Erschliessung ermöglichen einen effizienten öffentlichen Verkehr, kurze Wege und eine gezielte Verkehrsführung. WILWEST verhindert Zersiedelung und entlastet bestehende Siedlungen. Der zusätzliche Flächenbedarf wird dabei gebündelt und durch Ausgleichsmassnahmen abgefedert. Es geht nicht um Verkehrsvermeidung durch Stillstand, sondern um eine bessere räumliche Organisation.

Könnte man nicht zuerst ungenutzte Flächen oder Innenentwicklung nutzen, bevor Neues entsteht?

Nicolaus: Die Innenentwicklung hat in der heutigen Raumplanung klar Vorrang und ist das zentrale Ziel der Raumpolitik. Sie wird in der Regio Wil bereits intensiv genutzt. Dennoch zeigt die Praxis, dass nicht alle Flächenreserven verfügbar, geeignet oder innert der gesetzlich geforderten Frist von 15 Jahren realisierbar sind. Aktuelle Analysen zeigen, dass nur rund 8 % der bestehenden Flächen wirklich nutzbar sind. (Analysen: Agglomerationsprogramm Wil 5. Generation). Die übrigen Flächen bleiben aufgrund von Eigentümerinteressen, Planungshemmnissen, fehlender Erschliessung oder Schutzansprüchen blockiert. Bei einer sorgfältigen Interessenabwägung erlaubt das Raumplanungsgesetz deshalb andere Lösungen. WILWEST schafft zusammenhängende, gut erschlossene Flächen und ergänzt die Innenentwicklung dort, wo diese aufgrund von Flächenverfügbarkeit und Struktur an ihre Grenzen stösst.

Ein emotionales Thema ist die Nutzung von Fruchtfolgeflächen. Ist die Beanspruchung von 18 Hektaren laut Raumplanungsgesetz nicht illegal, wenn Alternativen existieren?

Nicolaus: Nein. Fruchtfolgeflächen sind zu schützen, dürfen aber genutzt werden, wenn eine sorgfältige Interessenabwägung erfolgt und der Bedarf ausgewiesen ist. Das Raumplanungsgesetz verlangt eine flächensparende und bodenschonende Entwicklung (RPG Art. 15 Abs. 3 und 4). Die Bündelung von Arbeitsplätzen an einem zentralen Standort ist gesamtplanerisch bodenschonender, als wenn sich die Entwicklung unkoordiniert verteilt. Zudem werden Ausgleichs- und Minimierungsmassnahmen umgesetzt, wie es das Bundesrecht und die kantonale Richtplanung vorsehen.

Wer hat Platz in WILWEST? Nur grosse, externe Unternehmen oder auch lokales Gewerbe?

Nicolaus: Auch regionale Betriebe profitieren, insbesondere solche, die an ihren heutigen Standorten nicht mehr erweitern können. WILWEST schafft neben der Möglichkeit für Neuansiedelungen auch Entwicklungsmöglichkeiten für lokales Gewerbe.

Zusammengefasst: Was macht WILWEST aus raumplanerischer Sicht aus?

Nicolaus: WILWEST ist ein konzentrierter, gut erschlossener Arbeitsplatzstandort – optimale Abstimmung zwischen Arbeitsplatzentwicklung und Verkehr. Er stärkt die regionale Wirtschaft, adressiert den hohen Pendelanteil und ermöglicht langfristig einen effizienten Umgang mit Boden. Es geht um Qualität, nicht Quantität – und genau das macht die langfristige Stärke der Regio Wil aus.

Über Jowita Nicolaus: 
Jowita Nicolaus ist Projektleiterin bei der Regio Wil. Sie hat ein Masterstudium in Ingenieur- sowie Stadt- und Raumplanung an der University of Life Sciences Poznań absolviert, ergänzt durch internationale Studienaufenthalte. Sie verfügt über fundierte Kompetenz in der Raumplanung, die sie in ihrer Tätigkeit in der Stadt- und Regionalentwicklung sowie bei der Analyse von Industrie- und Gewerbestandorten erworben hat. Zuletzt war sie als Stadt- und Raumplanerin bei der Kontextplan AG tätig, einem Schweizer Planungsbüro, das sich auf Raumentwicklung, Mobilität und Infrastruktur spezialisiert hat. Nicolaus verbindet planerisches Fachwissen mit Erfahrung in partizipativen Prozessen und der Entwicklung politischer Leitbilder.

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